WILLKOMMEN - nichts ist süßer denn die Heimat

Nicht jeder, der Einlass begehrt, ist auch willkommen – diese Erfahrung machen Jahr für Jahr tausende Menschen, die sich auf der Suche nach Schutz vor Vertreibung, Verfolgung oder Hunger auf den Weg nach Europa machen.

Gemeinsam mit Migranten, die in Chemnitz leben, gestalten deutsche Künstler und Theatermacher im „Weltecho“ mit Installationen, Spielszenen und Interaktionen einen Erlebnisraum, dessen Besucher einige Stationen von Flucht und Asylsuche sinnlich und emotional nachvollziehen können.

Wer diesen Raum betritt, begibt sich in die Hände von Schleusern und Schleppern. Auf ihn wartet eine Flucht-Reise, die Geschick und Mut erfordert. Immer läuft man Gefahr, auf dieser Reise verloren zu gehen, sprich abgeschoben zu werden. Wer Glück hat, gelangt nach mehreren Etappen zum Asylverfahren. Wer gebraucht wird, darf bleiben.

Den Erlebnisraum gestalten:
Franziska Grohmann, Rike Schubert, Saskia Wunsch, Timm Burkhardt, Steffan Claußner, Thomas Gnahm, Frank Maibier, Michael-Paul Milow, Bruno Nagel, Sebastian Zarzutzki

>> INFOS: Weltecho Chemnitz

Premiere war am 01. JULI 2012 im Weltecho Chemnitz

// KRITIK

Auf der Flucht

Grenzüberschreitendes Theater

 

Die Heimat verlassen. Vielleicht in einem überladenen Kahn, womöglich versteckt in einem LKW oder zu Fuß bei Nacht entlang von Grenzanlagen. Was, wenn man sich plötzlich selbst in einer solchen Situation wiederfindet? Wie würde man reagieren: Ausschließlich angewiesen auf Andere, und ständig konfrontiert mit dem Anderen?

Von diesem Szenario eine Ahnung zu erhalten, ist ein Ansatz des Theaterexperimentes „Willkommen - Nichts ist süßer denn die Heimat“ des Büros für theatrale Strategien. Im Zuge dieser Versuchsanordnung verwandelt sich das Weltecho in einen riesigen Parcours aus unterschiedlichsten Räumen. „Vorsicht: Sie verlassen vertrautes Terrain!“, sollte am Eingang stehen. Macht es aber nicht. Doch was verbirgt sich dahinter? Michael-Paul Milow, der kreative Koordinator dieses Unterfangens, klärt auf: „Die Ausgangsüberlegung war: Wie nähert man sich dem Thema Migration, ohne in einer Betroffenheitssoße zu enden?“

Das Resultat der Überlegungen ist eine Kombination aus Theater, Spiel und Installation. „Wir wollten bei dieser Aktion die klassische Theatersituation aufheben. Bei diesem Stück wird der Zuschauer zum Akteur, zum Flüchtling, der verschiedene Etappen der Flucht durchlaufen muss. Dabei wird er begleitet von unseren Theateragenten, die sowohl als Schlepper, Abzocker, Grenzbeamte oder Bürokraten auftreten. Und nicht jeder der zu Beginn startet, wird auch alles sehen“, merkt Milow an.

An einem Durchlauf kann immer nur eine Gruppe von maximal 25 Personen teilnehmen, weshalb Voranmeldungen für die jeweiligen Vorstellungen erwünscht sind. Jeder Gast erhält zu Beginn des „Spieles“ ein sogenanntes MacGyver-Tool. Dieses enthält verschiedene Utensilien, wie Gaffa, Kaugummi oder Ohrenstöpsel. Von den „Spielern“ können sie je nach Bedarf, Wunsch oder Not eingesetzt werden.

„Vieles passiert hier parallel“, konkretisiert Michel-Paul Milow, „Es gibt keine festgezurrte Dramaturgie. „Willkommen“ ist auf Interaktion ausgelegt. Gleichzeitig ist es aber auch eine Ausstellung, für die wir unter anderen Künstler wie Bruno Nagel, Timm Burckhard, Frank Maibier oder Rike Schubert gewinnen konnten.“

Neben einer eigenen Währung namens „Mikili“, legen die Organisatoren dementsprechend großen Wert auf die Ausgestaltung der einzelnen Erlebnisräume. Diese tragen so unterschiedliche Bezeichnungen, wie „Der Käfig“, „Der Keller –Im Untergrund“, „Das Lager – Transitraum“ oder „Wartezimmer der letzen Hoffnung“. Insgesamt sind es derzeit acht Etappen der Flucht und des Ankommens, die im Weltecho realisiert werden. Wie dieses Theaterexperiment, welches am 1. Juli Premiere feiert, am Ende umgesetzt wirkt, inwieweit es auf Interesse stößt oder vielleicht sogar für Kontroversen sorgt, wird abzuwarten sein. Blicke öffnend, klingt es allemal.

Erschienen im 371 Stadtmagazin Heft 07/11
Text: chezz Foto: privat

 

Nachblick zum Theaterstück “Willkommen – Nichts ist süßer denn die Heimat” im Weltecho

Der Ankündigungstext auf dem Flyer klang spannend und vielversprechend: „Sie begeben sich in die Hände von Schleusern und Schleppern. Sie erwartet eine Flucht-Reise, die Geschick und Mut erfordert. Immer laufen Sie Gefahr, auf dieser Reise verloren zu gehen. Wer Glück hat, gelangt nach mehreren Etappen zum Asylverfahren. Wer gebraucht wird, darf bleiben.“
Das Theaterstück ist ein Projekt des Büros für theatrale Strategie Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Oscar e.V., einem im Weltecho ansässigen Verein. Gefördert wurde das Stück durch die Kulturstiftung Sachsen, den Bund und die Stadt Chemnitz. Der künstlerische Leiter Michael-Paul Milow stellte gemeinsam mit circa fünfzig Migrantinnen und Migranten, Künstlerinnen und Künstlern eine Installation von acht Räumen emotional erfahrbar her.
Wir trafen uns zu viert vor dem Weltecho und bekamen für unser Eintrittsgeld einen großen Plastiksack in die Hand gedrückt. Nervosität machte sich breit, der Innenhof der ehemaligen Kammer der Technik war mit Zeltplanen und Bauzäunen abgesperrt und undurchsichtig. Wir linsten in unsere Tüten, jede und jeder hatte ein Kleidungsstück, Bargeld (sogenannte Mikili), Klebeband, Büroklammern und Wattebäusche, manche hatten einen Flaschenöffner in ihren Tüten. Was sollten wir damit anfangen? Wir durchliefen eine Odyssee bürokratischer Vorgänge. Auf rumänisch, arabisch, tschechisch und persisch angeredet – wir verstanden kein Wort, aufgefordert Formulare auszufüllen, Sport- und Sprachtest zu absolvieren, Fingerabdruck und Körperscan. Hatte man endlich alle nötigen Stempel und Formulare zusammen beginnt eine Art Reise nach Jerusalem: Wer darf bleiben, wer wird geduldet, wer wird abgeschoben?

Wir sitzen im Anschluss noch lange im Hof des Weltecho zusammen und reden über unsere Gefühle und Erfahrungen während des Stückes. Beklemmung, Furcht, Unsicherheit und das Gefühl nichts beeinflussen zu können werden genannt. Das Theaterstück machte Asyl und Flucht ein Stück erfahrbarer für uns, die wir im sicheren Europa leben – gedankenvoll gehen wir nach Hause.

Freyer Klinger

 

Flucht und Asyl: Neues Projekt im Weltecho

„Flüchtlingslager“ Weltecho: Schüler des Chemnitzer Schulmodells als Medizin- und Kirchenpersonal. Fotos: Heinz Patzig
Chemnitz. Wer in diesen Tagen das Chemnitzer Kulturzentrum „Weltecho“ betritt, wird unweigerlich Zeuge eines beklemmenden Theater- und Ausstellungsprojekts: Im Hof des Szenetreffs startet morgen (19 Uhr) eine theatralische Massenflucht. Titel: „Willkommen - nichts ist süßer denn die Heimat“. Proben und Ausstattung der Fluchträume laufen auf vollen Touren. Mitwirkende sind in Chemnitz lebende Migranten aus dem Irak, Pakistan und Indien, der Komponist Steffan Claußner, Wortpoet Bruno Nagel, die Künstler Timm Burkhardt und Frank Maibier sowie Mitglieder des Büros für theatrale Strategien Chemnitz.

Die Rolle der Flüchtlinge übernehmen jedoch nicht etwa Schauspieler. Das ist Sache der Zuschauer. Gestern wurde schon mal probehalber eine Gruppe Chemnitzer Schüler durchs Weltecho geschleust - von einer imaginären Grenze bis zur letzten Instanz eines Asylverfahrens.

Projektleiter Michael-Paul Milow (44) plant sein etwas anderes Heimatstück seit zwei Jahren: „Wir wollen nicht mit der Moralkeule kommen. Als Kind von Republikflüchtlingen liegt mir das Thema heute mehr denn je am Herzen.“